Besser zu früh und oft kommen als zu spät und selten.

Wer glaubt, jetzt ginge es thematisch endlich mal so richtig unter die Gürtellinie, der liegt genau richtig. Denn in diesem Artikel beleuchte ich ein Thema, welches nicht nur ziemlich komplex, sondern in Theorie und Praxis, selbst unter Fachleuten, oft heiss und sehr leidenschaftlich diskutiert wird. 

Die Rede ist von einem Leitsatz, welcher ursprünglich aus der Softwareentwicklung stammt und der da lautet: „Release early, release often“. Zu deutsch: „Veröffentliche früh, veröffentliche häufig“. Ihm liegt die Philosophie bzw. die Empfehlung zugrunde, dass die häufige Veröffentlichung kleinerer Softwareumfänge der seltenen Veröffentlichung großer Umfänge vorzuziehen ist. Wen der Ansatz im Detail interessiert, darf dies gern direkt beim Urheber, dem US-amerikanischen Softwareentwickler und Autoren Eric S. Raymond nachlesen (oder auch zusammenfassend in deutsch bei wikipedia)

Den Ansatz haben Sie jetzt nicht ganz verstanden? Und Sie können sich auch nicht vorstellen, was das mit Ihnen und unseren Themen Suchmaschinenoptimierung (SEO) und Neukundengewinnung zu tun haben könnte? Kein Problem. Ich breche das zum besseren Verständnis gleich mal herunter auf ein gänzlich untechnisches und alltagstaugliches Szenario, so dass man es auch ohne die Lektüre von Raymonds Beitrag nachvollziehen kann. Anschließend kann ich dann erklären, warum daraus meines Erachtens auch für SEO & Co. wichtige Handlungsempfehlungen abgeleitet werden können.

Der Ansatz „Release early, release often“ übertragen auf ein einfaches Beispiel aus dem ganz alltäglichen Leben:

Stellen Sie sich vor, Sie haben eine tolle neue Idee im Kopf. Völlig egal, was für eine Idee. Jedenfalls wollen Sie sie unbedingt in die Tat umsetzen und freuen sich schon darauf, wieviel Lob und Anerkennung Sie dafür ernten werden, von der Familie, von Freunden, Kunden, Arbeitskollegen, vom Chef oder sonstigen Menschen, deren Urteil für Sie wichtig ist.

Sie haben jetzt grundsätzlich zwei Möglichkeiten:

1. Sie halten Ihre Idee geheim und werkeln allein im stillen Kämmerlein an der Ausarbeitung und Umsetzung. Erst wenn Ihrer Meinung nach alles bis ins letzte Detail ausgefeilt und fertig umgesetzt ist (nennen wir es mal allgemein „Produkt“), wollen Sie den anderen dieses Produkt mit einem großen „Tataaaaa!“ präsentieren. Sie gehen so vor, weil Sie der Überzeugung sind, dass Ihre Idee nur dann so richtig erfolgreich sein wird, wenn Sie am Ende eines langen und ausführlichen Ausarbeitungsprozesses das perfekte, bis zu Ende gedachte und entwickelte Produkt präsentieren können.

ODER

2. Sie erzählen bereits nach kurzer Zeit den anderen von Ihrer Idee, obwohl Sie vieles noch gar nicht bis zu Ende gedacht, geschweige denn fertig umgesetzt haben. Ihr Produkt ist zu diesem Zeitpunkt zwar in seinen wichtigsten Grundzügen schon verwendbar, es bedarf aber noch sehr viel Arbeit, um es zu vervollständigen und in seinen einzelnen Bestandteilen weiter zu entwickeln.
Sie gehen so vor, weil Sie vermeiden wollen, dass Ihnen jemand mit einer vergleichbaren Idee zuvorkommt und das Thema für sich besetzt. Und Sie wollen außerdem durch das frühzeitige Einbeziehen anderer Menschen neuen, konstruktiven und wertvollen Input erhalten, der Ihre Idee und deren Umsetzung bereits während der Entwicklung positiv lenken und vorantreiben soll.

Ich glaube, jetzt dämmert Ihnen, was uns Eric S. Raymond sagen will und warum sein Ansatz Stoff für viel Diskussion und philosophische Grabenkämpfe war und ist. Keine der o.g. Optionen kann nämlich allgemein als einzig richtig oder als einzig falsch aufgefasst werden. Vielmehr gilt es von Fall zu Fall zu entscheiden, welcher Weg beschritten werden sollte. Und die Entscheidung ist nicht selten auch abhängig von der Komplexität des Produkts bzw. Projekts und der Frage, wie agil und flexibel dabei vorgegangen werden muss. Haben bestimmte Annahmen und Voraussetzungen über den gesamten Entwicklungsprozess Bestand? Wann, wo und wie muss ggf. umgedacht und angepasst werden? Ist meine Struktur dafür dann flexibel genug oder hab ich mir durch starre Planung bereits ein Riesenmonster erschaffen, was im Einzelnen nur noch schwer und behäbig anpassbar ist?

Das Projektdenken ist je nach Rahmenbedingungen entweder linear-kausal oder von einem iterativen Vorgehen geprägt.
Linear-kausal bedeutet in diesem Zusammenhang, dass ein Projekt Phase für Phase entwickelt und am Ende als fertiges Ganzes veröffentlicht bzw. implementiert wird. Man redet in diesem Zusammenhang auch vom Wasserfallmodell, bei dem erst ein bestimmtes Teammitglied mit seiner Arbeit anfangen kann, wenn ein anderes seine Arbeit abgeschlossen hat. Das kann dann ggf. etwas länger dauern. Also wie im o.g. Beispiel Nr. 1, d.h. ich erhalte erst nach langer Zeit, also nach Projektabschluss, echte Rückmeldungen von außen. Glückwunsch also, wenn Sie zwei Jahre an etwas entwickelt haben, Ihr Produkt dann veröffentlichen und feststellen, dass sich die Welt in den letzten zwei Jahren weiter entwickelt hat. Und zwar so weit, dass Sie Ihr Produkt schlimmstenfalls in die Tonne treten, bestenfalls aufwändig zurechtschustern müssen.

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Das iterative Vorgehen dagegen kann als ein behutsames Vorantasten bei der Entwicklung bezeichnet werden, bei der man zunächst von bestimmten Annahmen ausgeht und quasi „auf Sicht“ fliegt und nur so viel plant und umsetzt, wie man aktuell überhaupt schon klar formulieren und bewerten kann. Hierbei werden dann nur kleine, überschaubare, in sich geschlossene, Teilbereiche bearbeitet und veröffentlicht und somit sofortige Rückmeldung vom Team oder von außen ermöglicht (s. 2. Beispiel oben). Also hat man Feedback-Schleifen in allen Phasen der Planung, Durchführung, Überprüfung und Anpassung. D.h. die Rückmeldungen werden dazu verwendet, den entsprechenden Teilbereich, manchmal sogar das gesamte Produkt, wiederholt zu bewerten und ggf. anzupassen. Man spricht dann von einzelnen Iterationen im Sinne von sich wiederholenden Entwicklungs- bzw. Anpassungszyklen. Ob man bereits nach einer oder erst nach einer bestimmten Menge von Iterationen veröffentlicht, bleibt den Projektentscheidern überlassen.
Das heisst also: ich veröffentliche zunächst früh und ich veröffentliche anschließend oft, nämlich immer wieder, wenn hinreichend Iterationen abgearbeitet wurden. Hierbei handelt es sich i.d.R. um nur wenige Wochen pro Iteration. Das bedeutet gleichzeitig, dass ich in diesen verhältnismäßig kurzen Phasen frisches Feedback (zum Beispiel von meinen Mitarbeitern, Auftraggebern/Kunden) erhalte und zugleich im Gespräch bleibe, weil ich immer wieder einen guten Grund habe, mit meinen Kunden in Kontakt zu treten.

In diesem Zusammenhang lautet Raymonds vollständiger Leitsatz übrigens: „Release early, release often. And listen to your customers.“ Also: „Veröffentliche früh, veröffentliche oft und höre, was deine Kunden sagen.“ (s. Eric S. Raymond).

Das iterative Vorgehen steht in engem Zusammenhang mit dem sog. Scrum-Prinzip, welches unter http://www.scrumalliance.org/ im Detail gern nachgelesen werden kann.

Zum Pro und Contra beider Herangehensweisen wurde und wird im Detail schon sehr viel geschrieben, so dass ich hier wirklich nur allgemein an der Oberfläche bleiben und auch weiter keine Bewertungen der Modelle vornehmen möchte. Halten wir fest, es gibt beide Herangehensweisen (Wasserfall vs. iteratives Vorgehen) und beide haben unter bestimmten Voraussetzungen ihre Vor- und Nachteile.

Was hat das nun aber mit unserem Thema Suchmaschinen- und Konversionsratenoptimierung zu tun?

Ich denke, ich habe Sie jetzt so viel mit etwas schwer verdaulicher Kost konfrontiert und gönne Ihnen erstmal eine kurze Auszeit zum Sacken lassen. Ich schreibe währenddessen den zweiten Teil dieses Beitrages und werde dann erklären, warum ich SEO / CRO und Co. für einen ausgeprägten iterativen Prozess halte und was das für Ihre persönliche Planung und Erwartungshaltung (Zeitplan, Kapazitäten, Kosten, Amortisationszeit, etc.) bei entsprechenden Maßnahmen bedeutet.

Über den Autor

Oliver Sonntag

Der Internet-Unternehmer befasst sich seit Anfang der 90er Jahre professionell mit dem Phänomen webbasierter Informationssysteme. Nach seinem Studium der Informationsswissenschaften an der FU-Berlin arbeitete er zunächst als Entwickler, Berater und Projektmanager erfolgreich auch für Unternehmen, die heute als Pioniere der Internetbranche gelten. 2003 gründete er die Web-Agentur ANTWORT:INTERNET. Im Zentrum der Agenturleistungen liegt die Entwicklung von Internetpräsenzen und Online-Anwendungen und deren Vermarktung. Dazu zählt maßgeblich auch Suchmaschinen- und Konversionsratenoptimierung.

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