Social Media – Die Angst vor dem großen Unbekannten oder „Wir sind blöd – sehr sogar!“

Es gibt Situationen, da läuft selbst den knallhärtesten Typen ein kalter Schauer über den Rücken. Schweißperlen rinnen über das Gesicht, Hilflosigkeit macht sich breit und man kann die Angst der handelnden Personen förmlich riechen. Dies sind Momente, in denen man sich hineingezogen fühlt in die Szene eines nervenzerfetzenden Horror-Thrillers, wo man einfach nicht mehr hinsehen mag, weil das bis hierher angestaute Grauen gleich innerhalb von Bruchteilen von Sekunden in einer gewaltigen Schockwelle explodieren könnte. Der Atem steht für einen Moment still. Alles ist still. Gleich wird es passieren …

Und in die Stille fragt eine Stimme:

„Ach, und was ich noch fragen wollte … inwieweit ist Ihr Unternehmen eigentlich schon im Social-Media-Bereich aktiv?“

„SOCIAL-WAAASSSS?! Wuuuaaaaahhhhhhhh!!!! Naaaaaaiiiiinnnnn!!!!“, entfährt es dem Gegenüber lautstark. Schreiend und sich windend, als hätte man den Teufel mit einem Weihwasserwerfer beschossen oder einen Vampir im Hochsommer der prallen Mittagssonne ausgesetzt, versucht sich das Opfer noch krampfhaft aus den Fängen dieses Gesprächs zu befreien. Doch es gibt keinen Ausweg. Und schon fährt die nächste Frage auf ihn hernieder wie die alles zerschneidende Klinge einer Guillotine:

„Und wenn ja, wie und auf welchen Plattformen engagieren Sie sich bereits?“

Ich komme mir vor, als hätte ich meinem Gesprächspartner gerade den Vorschlag unterbreitet, den Rest des Tages nackt über den Potsdamer Platz zu flanieren und dabei Schilder mit der Aufschrift

„ENGAGIEREN?!?! PLATTFORM…WASSS?!“. Jetzt liegen die Nerven endgültig blank. Ich komme mir vor, als hätte ich meinem Gesprächspartner gerade den Vorschlag unterbreitet, den Rest des Tages nackt über den Potsdamer Platz zu flanieren und dabei Schilder mit der Aufschrift „Wir sind blöd!“ vor uns herzutragen. Die Reaktion fällt deshalb so heftig aus, weil an dieser Stelle jedem klar ist: mit Social Media sind diese ganz verrückten Instrumente gemeint wie Blogs, Foren, Profile in sozialen Netzwerken (ja, auch Facebook, Twitter, u.s.w.), Video-Plattformen, etc…

Das ist der Moment, indem ich meinem Gesprächspartner in der Regel noch etwas zu trinken anbiete (anbieten muss, um mögliche Schnappatmung zu verhindern) und mein „Haben-Sie-keine-Angst-ich-pass-auf-Sie-auf-Gesicht“ aufsetze. Ist der erste Schock einmal überwunden, beginnt der lange Marsch durch die verschiedensten Gefühlswelten des Kunden. Da haben wir das „Das-meint-er-doch-nicht-ernst-Gefühl„, gefolgt von dem „Der-weiß-aber-schon-dass-ich-ein-Unternehmen-repräsentiere-Gedanken„. Ein Klassiker ist auch die „Niemals-werde-ich-einen-Facebook-Account-eröffnen-Überzeugung„, die meist einhergeht mit der Einstellung „Ich-habe-immer-gesagt-da-machen-wir-nicht-mit„. Nach dieser obligatorischen Gewissenserforschung kommen wir dann meist an den Punkt, an dem mir die alles entscheidende Frage gestellt wird: „Aber jetzt mal ehrlich …, bringt denn das überhaupt was?“

Doch bevor ich darauf weiter eingehe, hier kurz ein paar belastbare Fakten:

Laut einer 2014 durchgeführte BVDW-Studie zum Thema „Social Media in Unternehmen“ gaben 56% der Befragten an, dass ihr Unternehmen keinerlei Social Media Aktivitäten betreibt.

Statistik: Führt Ihr Unternehmen generell Social Media Aktivitäten durch? | Statista

Obwohl bei 8 von 10 großen Unternehmen (mit mehr als 250 Mitarbeitern) eine übergeordnete Social-Media-Strategie in Planung steht, haben doch im Allgemeinen 80 % der Unternehmen mit Hindernissen bei der Umsetzung zu kämpfen.

Das größte Problem scheint im Datenschutz gesehen zu werden (49,7 %). An zweiter und dritter Stelle stehen allerdings fehlendes Know-How und mangelnde Wahrnehmung der zu erreichenden Zielgruppe. Gerade in kleineren Unternehmen spielen auch die verfügbaren Ressourcen eine wichtige Rolle.

Statistik: Wo sehen Sie die größten Hindernisse bei der Nutzung von Social Media? | Statista

Unternehmen, die Social-Media praktizieren, versprechen sich den größten Vorteil in der Steigerung ihrer Bekanntheit (73,5 % der Befragten). Größeren Unternehmen ist die Kundenbindung wichtiger (69,6 % der Befragten).

Die meisten Erfolge im Social-Media-Bereich zeigen sich bei Werbekampagnen (56,5 % überdurchschnittliche Erfolge) und in der Kundenbetreuung (63,3 %).

Ob sich der Aufwand am Ende gelohnt hat würden zwei Drittel der befragten Unternehmen mit „ja“ beantworten.

Mein Fazit: Wo und in welcher Intensität Social-Media-Aktivitäten durchgeführt werden sollten, hängt auch entscheidend von der Branche, den Produkten oder Dienstleistungen und der Zielgruppe (B2B, B2C, etc..) ab. Ein Unternehmen, welches z.B. im B2B-Bereich als Zulieferer für spezielle industrielle Lösungen tätig ist, sollte eine andere Strategie verfolgen als ein Unternehmen, welches Produkte für den täglichen Bedarf an Endverbraucher verkauft. Fakt ist, dass es einer guten Planung bedarf, einer Roadmap, in der konkrete Ziele und Maßnahmen fixiert werden. Hier und dort hin und wieder einen Facebook-Beitrag zu posten oder einen Forenbeitrag zu kommentieren ist leider kein Social Media, sondern pure Zeitverschwendung.
Auf keinen Fall aber sollten Unternehmen das Thema ignorieren. Und blöd ist man schon gar nicht, wenn man sich ernsthaft damit auseinandersetzt. Denn klar ist, man muss präsent sein. Und die Orte, an denen man Präsenz zeigen kann und muss, die entwickeln sich weiter, ob mir das gefällt oder nicht.

Die hier verwendeten und weitere Statistiken finden Sie bei Statista.

Über den Autor

Oliver Sonntag

Der Internet-Unternehmer befasst sich seit Anfang der 90er Jahre professionell mit dem Phänomen webbasierter Informationssysteme. Nach seinem Studium der Informationsswissenschaften an der FU-Berlin arbeitete er zunächst als Entwickler, Berater und Projektmanager erfolgreich auch für Unternehmen, die heute als Pioniere der Internetbranche gelten. 2003 gründete er die Web-Agentur ANTWORT:INTERNET. Im Zentrum der Agenturleistungen liegt die Entwicklung von Internetpräsenzen und Online-Anwendungen und deren Vermarktung. Dazu zählt maßgeblich auch Suchmaschinen- und Konversionsratenoptimierung.

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